FERNSEHFRIEDHOF.DE

FERNSEHFRIEDHOF.DE

… die kollektive Schau der flimmernden Fernsehleichen

reproducts und Abteilung DG schaffen jeden ersten Montag eines Monats in der Z-Bar, Berlin-Mitte, Torstraße, Ecke Bergstraße um 20 Uhr die Soziale Plastik FERNSEHFRIEDHOF.DE. Die von Menschen geformte Skulptur widmet sich der mittlerweile fast vergessenen Form des gemeinsamen Fernsehens. Dies geschieht aus zwei Gründen. Einerseits muss dem Fernsehen endlich die museale Würdigung im aktiven Erleben zukommen, die dieses Medium verdient hat. Fernsehen ist eine kollektive Kulturleistung von unglaublich vielen Menschen, die von noch viel mehr Menschen wahrgenommen wird. Theater, Oper, Ballett, Literatur sind schön und gut und wahr. Aber da wir Menschen im Grunde Abgucker und Nachahmer sind, wird unser soziales Miteinander maßgeblich von Massenmedien eingeübt. Die Geistesblitze aus den Elfenbeinturmkämmerchen setzen zwar den Keim dafür, die Verbreitung der Saat aber übernehmen die Vorturner in den Serien, Magazinen und Shows. Womit auch schon der zweite Grund berührt wäre. Klar, das Internet ist heute das Massenmedium, dass das Fernsehen in ganz vielen Bereichen ablöst und rückstandslos ersetzt (hat). Aber ebenso wenig wie das Fernsehen das Buch verbrannt hat, wird das Web das TV verbrennen. Denn der größte Vorzug des Internets ist zugleich das größte Manko. Wir können zwar alles jederzeit nach dem je eigenen Drehbuch auf dem maximal individualisierten Schirm haben, aber den kollektiven Moment JETZT gibt es nur im Fernsehen. Diese einzigartige Qualität wird die kuscheligen Tatort-Familien jedes Schweiger-Massaker überleben lassen. Und erst recht wird keinen Menschen je das disparate, zeitversetzte Gucken einer Fußballspiels reizen. Da zählt nur der atomuhrgeeichte Moment. Und schon die Differenzen der Übertragungswege zwischen Kabel, DVBT und Internet führen zu Aufständen, weil die eine Kneipe bereits jubelt, während die andere noch nicht weiß, wo der Ball hinfliegt. Wir Menschen sehnen uns nach dem Moment, dem einen, den wir gemeinsam erleben. Und genau das kann uns das Web nicht bieten. Und wenn es das tut, dann geriert es sich wie – Fernsehen. And that’s the real thing.

Wie auf dem echten Friedhof mit den wirklich toten Geliebten werden wir uns also des Lebens im Moment bewusst. Und genau das wertzuschätzen und die Muster in der Zeit zu erkennen, üben wir jeden ersten Montag im Monat ein – auf:

FERNSEHFRIEDHOF.DE

SALZHÖLLE DER FLAMINGOS

TIERFILME ALS PROPAGANDA

Montag, 6. März 2017 um 20 Uhr
Z-Bar, Torstraße, Ecke Bergstraße, 10115 Berlin

Salzhölle der Flamingos

Dokumentarfilm ist eine Fiktion – doch wie immer ist dies nur die halbe Wahrheit. Kaum jemand dokumentiert das besser als der alte Tierfilmer-Haudegen Vitus B. Dröscher. Nie wurde der Überlebenskampf in der Fauna packender und frontberichterstattermäßiger geschildert als von diesem Apologeten der Schicksalsbestimmung. Schon die Eröffnungsszene der Serie, die Mitte der 90er auf Sat1 lief, ein Bwana-Traum allererster Klasse. Vitus B. vor fragwürdiger Dschungelkulisse auf dem Beifahrersitz im offenen Daktari-Jeep, der schwarze Boy am Steuer, und seine Frau sitzt, natürlich, hinten und hält den Mund (Lebenszweck: Kopf gegen nicht vorhandenen Überrollbügel schlagen). Und dann führt er uns ohne jede Gnade eines Gleitmittels ein in die Travestie-Welt dieser rosa Schönheiten, die mit ihren Lederstrumpfbeinen in der Säurehölle des Salzsees herumstehen, während sie von „jungen Kampfadlern“ angegriffen werden. Die Pforten der Wahrnehmung hängen bei Vitus B. nur noch lose in den Angeln, wenn er sich an seinen sozialdarwinistischen Idealen, seiner latenten Homophilie und seinen sadomasochistischen Obsessionen wortreich abarbeitet.

Soweit, so lustig. Aber der Fernsehfriedhof.de wäre nicht der Fernsehfriedhof.de, wenn es nicht um immer noch mehr ginge. Selbstverständlich ist Dröschers TV-Doku über Flamingos nur ein krasser Ausrutscher. Aber er schärft die Sinne. Auch andere Flamingo-Dokumentaristen tappen in dieselbe rostige Schnapp-Falle. Wort, Bild, Ton und Montage anthropomorphisieren, was der Daumen dieser Krone der Schöpfung aus den Worthülsen auszudrücken vermag. Immer wieder der völlig zusammenhanglose Zusammenhang zwischen Schönheit, Fragilität, Singularität, Verletzlichkeit einerseits und tödlichem Schicksal andererseits. Und dass das beileibe keine mediale Irrlichterei des letzten Jahrtausends ist, zeigt dann noch ein kleines Stück aus einer BBC-Tier„doku“ von 2016. Unglaublich viel bessere Aufnahmen zu noch fulminanterer Musik, die genau denselben Quatsch transportieren wie damals. Das hätte Jim mal bei der BBC fixen sollen!

Aber sei’s drum! Dokumentarfilme präsentieren einfach kein sogenanntes objektives, umfassendes Dokument eines Außen, sehr wohl aber ein Dokument des Innenlebens der Schöpfer. Nicht das Abgebildete ist wahr, sondern der Blick darauf. Und das kann sehr spannend sein.

Nach so viel reflektorischer Arbeit dürfen sich die Teilnehmer der Sozialen Plastik bei einer Folge „Mein Freund Ben“ von 1969 ausruhen, in der der große, gutmütige Ben (ein zwei Meter großer Grizzly) dem Wildhüter beim Beseitigen einer Flamingo-Falle in den Sümpfen Floridas hilft.

Wieder einmal immer schließt sich der Circulus Vitiosus auf …

FERNSEHFRIEDHOF.DE

jeweils am ersten Montag

Eintritt frei, Spenden werden nicht abgelehnt

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„In einen Toten tritt man ein wie in eine offene Stadt“
Jean-Paul Sartre

PREMIERE

GUTER RAT IST TÖDLICH

Montag, 6. Februar 2017 um 20 Uhr
Z-Bar, Torstraße, Ecke Bergstraße, 10115 Berlin

reproducts und Abteilung DG waren mit dem reproducts-Fernsehmuseum in der Z-Bar wie immer heillos der Zeit voraus, als sie im Jahr 2001 die Soziale Plastik zum gemeinsamen Anschauen und Verarbeiten vergangener und zukünftiger TV-Traumata im Kino-Therapie-Saal dieser unbeugsamen Enklave in der Mitte der Hauptstadt eröffneten. Doch jene Zeit war noch nicht reif für die Erkenntnis, dass Fernsehen in jeder Hinsicht eine museale Würdigung verdient. Einerseits weil es eine gigantische, großartige Kulturleistung ist, die eine immense Wirkung auf den Einzelnen wie die Gesellschaft hatte. Andererseits weil uns schon damals die goldenen Zeiten der linearen Einbahnstraßen-Glotzerei unwiderruflich vorbei schienen. Uns war klar, dass der interaktiven, nonlinearen „on demand“-Zapperei in zeitlicher Fragmentierung die Zukunft gehört. Und nun ist bereits eine Generation herangewachsen, die gar nicht mehr weiß, was das eigentlich war, dieses „Fernsehen“ – und vor allem dieses seltsame Ritual, das die Alten „gemeinsames Fernsehgucken“ nannten. Na bitte, diese Zeit ist nun also reif! reproducts und Abteilung DG reaktivieren mit Hilfe ihres endlosen Videoarchivs die Zeitmaschine wieder, setzen den Kristall-Hebel in die Steuerung, ziehen ihn bis Anschlag zurück – und laden ein, sich unter fachkundiger und psychologischer Betreuung diesem vergessenen Ritual auszusetzen und gemeinsam in eine Zeit zurückzureisen, als Antennen noch Wünschelruten für Sphärenschätze waren, die dem Menschen in der Masse via Kathoden-Totem Information und Unterhaltung brachten.

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Für eine würdige Premiere dieser ersten Neugestaltung der Sozialen Plastik Fernsehfriedhof.de am 6. Februar 2017 im Kino-Therapie-Saal der Z-Bar in der Bergstraße widmen wir uns einem Klassiker des Ratgeber-Fernsehens. Man muss dabei bedenken, dass das Fernsehens bis in die 90er Jahre hinein quasi der Halbgott in Bunt war. Was aus der Röhre strahlte, galt als die Wahrheit in 625 Zeilen PAL! So hatten dann auch die Medizin-Sendungen das Gewicht eines Chefarzt-Wortes. Niemand wusste das besser als Hans Mohl, der von 1964 bis 1993 „Gesundheitsmagazin Praxis“ im ZDF präsentierte. Zur gemeinsamen Analyse wird eine Ausgabe von 1992 vorgelegt, in der sich alles um die richtige, gesunde Ernährung dreht. Zusammen mit Computergrafiken, von denen einem schwindelig werden kann. Aber Schwindel ist ohnehin das Stichwort! Trotz aller guten Ratschläge und Aufforderungen zum Genussverzicht: Die Statistik belegt eindeutig, dass der Großteil der Leute, die die Sendung damals live gesehen haben, heute trotzdem tot sind! Tolle Bilanz dieser „gesunden Ernährung“.


FERNSEHFRIEDHOF.DE ist eine Soziale Plastik von reproducts und Abteilung DG.

Weitere Infos unter reproducts.de

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